Zum Inhalt springen
Regenerative MedizinPRPOrthopädie

PRP beim Hund: Biologische Grundlagen, klinische Anwendung und Evidenz

Kurz gesagt

PRP aus Eigenblut wirkt nachgewiesen bei Gelenkarthrose und Sehnenerkrankungen – ohne Allergierisiko, kombinierbar mit Hyaluronsäure und adjuvant nach Gelenkoperationen beim Hund.

PRP beim Hund: Biologische Grundlagen, klinische Anwendung und Evidenz

Plättchenreiches Plasma (PRP) hat sich in der veterinären Orthopädie und Chirurgie als biologisches Therapeutikum mit nachgewiesenem klinischen Nutzen etabliert. Im Unterschied zu konventionellen Analgetika handelt es sich bei PRP nicht um ein Medikament im pharmakologischen Sinne, sondern um ein autologes Blutprodukt, das konzentrierte Wachstumsfaktoren enthält und aktiv in die Pathophysiologie von Gelenkdegeneration, Sehnenheilung und Gewebereparatur eingreift.

Die Anwendung erfolgt multimodal: als primäre biologische Therapie bei Osteoarthrose und Tendinopathie, sowie als postoperatives Adjuvans zur Optimierung der Gewebeheilung nach gelenkchirurgischen Eingriffen. In diesem Beitrag erläutern wir die wissenschaftlichen Grundlagen, die klinischen Indikationsgebiete und die entscheidenden Qualitätsanforderungen an die PRP-Herstellung.

PRP-Injektion beim Hund – Thrombozytenreiches Plasma wird intraartikulär verabreicht

Was ist PRP – und woher kommt es?

PRP ist ein konzentriertes Blutprodukt, das ausschliesslich aus dem Blut des Patienten selbst hergestellt wird – es ist damit vollständig autolog. Aus einer Blutentnahme wird durch gezielte Zentrifugation der Thrombozytenanteil auf ein Mehrfaches des Ausgangswerts angereichert. Diese Blutplättchen sind reich an Wachstumsfaktoren, die bei der Geweberegeneration und Entzündungsregulation eine zentrale Rolle spielen.

Die wichtigsten Wachstumsfaktoren im PRP umfassen:

  • PDGF (Platelet-Derived Growth Factor) – fördert Zellmigration und Proliferation
  • TGF-β1/β2 (Transforming Growth Factor) – entzündungshemmend, fördert Kollagensynthese
  • VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) – regt die Gefässneubildung an
  • bFGF (Basic Fibroblastic Growth Factor) – stimuliert Bindegewebsheilung
  • EGF (Epidermal Growth Factor) – unterstützt Zellwachstum und Wundheilung

Diese Faktoren wirken sowohl einzeln als auch synergistisch: Sie hemmen entzündliche Zytokine, aktivieren körpereigene Stammzellen, fördern Knorpelzellen (Chondrozyten) und stimulieren die Synthese von Extrazellulärmatrix. Kurzum: PRP unterstützt die körpereigene Heilung auf biologischer Ebene.

Anwendungsgebiete beim Hund

Osteoarthrose (Gelenkarthrose)

Die Osteoarthrose ist die häufigste Ursache für chronische Lahmheit beim Hund und betrifft vor allem ältere sowie grosse Rassen. Mehrere klinische Studien belegen, dass intraartikuläre PRP-Injektionen beim Hund die Lahmheit reduzieren und die Gewichtsbelastung der betroffenen Gliedmasse objektiv verbessern können.

So zeigte eine robuste Studie von Fahie et al. (2013), dass autologes Thrombozytenkonzentrat bei Hunden mit Arthrose zu signifikanter klinischer Verbesserung führte. Vilar et al. (2018) dokumentierten mit Ganganalysen eine messbare Zunahme der Belastungskraft nach vier Injektionen bei Hunden mit Kniegelenksarthrose infolge eines Kreuzbandriss – der Effekt war bereits nach 30 Tagen nachweisbar. Eine Wirkungsdauer von 3–6 Monaten entspricht dem aktuellen klinischen und wissenschaftlichen Kenntnisstand.

Kreuzband­pathologie (partieller Riss / Instabilität)

Cook et al. (2016) zeigten bei Hunden mit partiellem Kreuzbandriss und Meniskusläsion, dass multiple Injektionen von leukoreduzierten PRP den Bewegungsumfang verbesserten, Schmerzen reduzierten und die Funktion für bis zu sechs Monate steigerten – mit bereits messbarem Effekt eine Woche nach der ersten Injektion.

Sehnenerkrankungen: Supraspinatus, Bizeps & Co.

Sehnenerkrankungen sind bei Sporthunden, Agility-Hunden und Arbeitshunden häufig. Besonders die Supraspinatus-Sehne und die Bizeps-Sehne sind von degenerativen Veränderungen (Tendinopathie) betroffen. PRP wird hier ultraschallgezielt intratendinös injiziert.

Canapp et al. (2016) veröffentlichten eine Studie mit 55 Hunden, die wegen Supraspinatus-Tendinopathie mit einer Kombination aus adipösen Stammzellvorläufern (ADPC) und PRP behandelt wurden. Bei 82 % der Fälle reduzierte sich der Querschnitt der erkrankten Sehne auf die Grösse der gesunden Sehne innerhalb von 90 Tagen – mit signifikant verbessertem Fasermuster im Ultraschall. PRP bietet hier einen wesentlichen Vorteil gegenüber konservativer Therapie: Es zielt nicht nur auf Symptomkontrolle ab, sondern fördert aktiv die strukturelle Gewebeheilung.

PRP als Adjuvans zur Chirurgie

PRP kann hervorragend mit chirurgischen Eingriffen kombiniert werden. Silva et al. (2013) injizierten autologes Thrombozytenkonzentrat postoperativ nach Kreuzband-OP und konnten am 90. postoperativen Tag signifikant bessere Gangergebnisse in der PRP-Gruppe nachweisen. PRP scheint die Gewebeheilung nach dem Eingriff zu beschleunigen und die Arthroseentwicklung zu bremsen – beides klinisch relevante Vorteile nach z. B. TPLO.

PRP + Hyaluronsäure: Mehr als die Summe der Teile

Eine besonders vielversprechende Strategie ist die Kombination von PRP mit Hyaluronsäure (HA). Die Meta-Analyse von Aw et al. (2021, Journal of Experimental Orthopaedics) umfasste 10 Studien mit 983 Patienten und zeigte, dass die Kombination PRP + HA konsistent bessere Ergebnisse liefert als PRP allein.

Der Synergismus lässt sich biologisch erklären: HA verbessert die Gelenkumgebung durch Lubrikation und Matrixschutz, dämpft die transiente entzündliche Reaktion («post-injection flare»), die nach PRP auftreten kann, und schützt Chondrozyten vor oxidativem Stress und proteolytischen Enzymen. Wir bieten daher standardmässig die PRP-HA-Kombination an.

Nicht jedes PRP ist gleich – und das macht den entscheidenden Unterschied

Die Qualität von PRP hängt massgeblich von der Herstellungsmethode ab. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist der Leukozytengehalt:

Leukozytemarmes PRP (LP-PRP) enthält wenig Neutrophile und rote Blutkörperchen. Es gilt als das bevorzugte Produkt für intraartikuläre und intratendinöse Injektionen, da Neutrophile pro-entzündliche Mediatoren (IL-1β, IL-6, TNF-α) freisetzen und Metalloproteasen (MMP-9) aktivieren, die Kollagen und Knorpelmatrix abbauen.

Leukozytenreiches PRP (LR-PRP) enthält deutlich mehr Neutrophile. In-vitro-Studien zeigen, dass LR-PRP signifikant mehr Synoviozyten-Zelltod verursacht als LP-PRP – ein unerwünschter Effekt, besonders im bereits vorgeschädigten Gelenk.

Die von uns angewendete Methode erzielt eine Plättchensteigerung von 500–550 % gegenüber dem Vollblut bei gleichzeitiger Reduktion der Neutrophilen um über 85 %. Die Plättchenanreicherung um das 4–7-fache entspricht dem in der Humanmedizin etablierten Zielbereich.

PRP beim Hund vs. Librela – Sicherheitsprofil und klinische Realität

Librela (Bedinvetmab) ist ein monoklonaler Anti-NGF-Antikörper, der seit seiner Zulassung als monatliche Schmerztherapie bei Arthrose eingesetzt wird. In letzter Zeit wurden jedoch zunehmend schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen gemeldet, darunter katastrophale Schädigungen der von Arthrose betroffenen Gelenke. Darüber hinaus ist Librela eine rein analgetische Therapie ohne nachgewiesene krankheitsmodifizierende oder regenerative Wirkung.

PRP dagegen ist vollständig autolog: Da es aus dem Eigenblut des Patienten gewonnen wird, entfallen immunvermittelte Reaktionen, Fremdprotein-assoziierte Nebenwirkungen und systemische Toxizität per definitionem. Unerwünschte Effekte beschränken sich auf eine kurzfristige lokale Entzündungsreaktion (post-injection flare) innerhalb von 24–72 Stunden, die selbstlimitierend ist. PRP hat darüber hinaus das Potenzial, nicht nur Schmerz zu lindern, sondern Gewebereparaturprozesse aktiv zu fördern.

Auf der Grundlage der aktuellen Sicherheitsdaten raten wir vom routinemässigen Einsatz von Librela als Erstlinientherapie ab. Insbesondere das Risiko einer rasch fortschreitenden destruktiven Gelenkveränderung (Rapidly Progressive Osteoarthritis, RPOA) – in der Humanmedizin unter Anti-NGF-Therapien gut dokumentiert und zunehmend auch im veterinären Kontext diskutiert – stellt ein erhebliches Sicherheitsbedenken dar.

Wie läuft eine Behandlung ab?

Die Behandlung erfolgt unter kurzer Sedierung oder kurzer Vollnarkose:

  • Blutentnahme
  • Zweistufige Zentrifugation zur Plättchenanreicherung (LP-PRP-Protokoll)
  • Qualitätskontrolle der Plättchenkonzentration (Ziel: 4–7-fache Anreicherung)
  • Injektion ins Gelenk (intraartikulär) oder in die Sehne (intratendinös, ggf. ultraschallgezielt)
  • Ruhe für 48 Stunden, danach kontrollierte Aktivitätssteigerung

Bei Arthrosebehandlung empfehlen wir in der Regel eine Serie von 2–3 Injektionen im Abstand von 4–6 Wochen, häufig kombiniert mit Hyaluronsäure. Die Wirkung setzt meist innerhalb von 1–4 Wochen ein und hält 3–6 Monate an. Bei Bedarf kann die Behandlung wiederholt werden.

Vorbereitung: Entzündungshemmende Medikamente müssen nicht gestoppt werden. Jegliche Kortison-Therapie sollte mindestens 1 Woche vor Behandlungsbeginn abgesetzt werden. Ihr Hund muss wegen der erforderlichen Sedierung gefastet sein.

Häufige Fragen von Tierhaltern

Ist PRP beim Hund sicher? Ja. Da PRP aus dem eigenen Blut des Tieres gewonnen wird, gibt es kein Risiko allergischer Reaktionen oder Abstossungsreaktionen. Nebenwirkungen beschränken sich in seltenen Fällen auf eine kurzfristige Entzündungsreaktion nach der Injektion (Injektionsflare), die sich innerhalb von 1–3 Tagen legt.

Kann PRP eine Operation ersetzen? Nicht in allen Fällen. Beim vollständigen Kreuzbandriss bleibt die Operation (z. B. TPLO) die Therapie der Wahl. PRP kann jedoch als Adjuvans die Heilung beschleunigen und die Arthroseprogression verlangsamen.

Fazit

PRP ist keine Wundertherapie – aber eine gut belegte, sichere und vielseitige biologische Option, die bei richtiger Herstellung und gezielter Anwendung echten klinischen Mehrwert bietet. Entscheidend ist die Qualität des Produkts: Nicht jedes System, das als PRP vermarktet wird, liefert tatsächlich ein Thrombozyten-angereichertes Präparat. Wir verwenden ein validiertes Leukozytemarmes PRP-Protokoll nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

Wenn Ihr Hund an Arthrose, Sehnenerkrankungen oder einer Kreuzband­pathologie leidet, nehmen Sie gerne Kontakt auf – wir beraten Sie individuell, ob PRP eine geeignete Option ist.

Dr. vet. med. Matt Matiasovic MSc Dipl.ECVS

Dr. vet. med. Matt Matiasovic MSc Dipl.ECVS

Kleintierchirurg · Region Basel