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Librela – Wundermedikament oder verstecktes Risiko?

Kurz gesagt

Librela (Bedinvetmab) ist ein monoklonaler Antikörper gegen den Nervenwachstumsfaktor (NGF) zur Schmerzbehandlung bei Osteoarthritis beim Hund. Dieser Beitrag beleuchtet die zunehmenden Nebenwirkungsberichte und zeigt, wo Librela sicher in der Behandlungskaskade positioniert werden sollte.

Ein Hinweis zu Librela® (Bedinvetmab) – Nebenwirkungen und sichere Positionierung in der Behandlungskaskade bei Osteoarthritis

Obwohl die Vorteile von Librela bei der Behandlung von Schmerzen im Zusammenhang mit Osteoarthritis unbestreitbar sind, soll dieser Beitrag das Bewusstsein für die zunehmend häufiger berichteten muskuloskelettalen Nebenwirkungen vorstellen.

Bedinvetmab ist ein monoklonaler Antikörper gegen den Nervenwachstumsfaktor (NGF), der zur Linderung von Schmerzen im Zusammenhang mit Osteoarthritis (OA) bei Hunden zugelassen ist, ähnlich wie Solensia® bei Katzen. NGF spielt unter anderem eine Rolle bei der Schmerzempfindung und dem Knochenumbau.

Erfahrungen mit Anti-NGF beim Menschen

Anti-NGF-monoklonale Antikörper (z. B. Tanezumab, Pfizer) wurden beim Menschen mit einer erhöhten Rate an schnell fortschreitender Osteoarthritis (RPOA) und Gelenkzerstörung in Verbindung gebracht. Aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Gelenksicherheit und einem ungünstigen Risiko-Nutzen-Verhältnis wurde keine Anti-NGF-Therapie für Osteoarthritis-Schmerzen beim Menschen von der FDA (USA) oder der EMA (Europa) zugelassen. Dies ist ein Problem der Sicherheit der Wirkstoffklasse insgesamt – und kein isoliertes Problem eines einzelnen Moleküls.

Schnell fortschreitende Osteoarthritis (RPOA) wird in der Humanmedizin definiert als:

  • Beschleunigte Gelenkzerstörung über Monate hinweg, die weit über das erwartete natürliche Fortschreiten der OA hinausgeht
  • Gekennzeichnet durch schnellen Knorpelverlust, subchondralen Knochenkollaps, Knochenbrüche, Luxationen und schwerwiegende Gelenkinstabilität
  • Diese Veränderungen sind irreversibel, sobald sie einmal eingetreten sind

Was vor der Markteinführung von Librela® nicht ausreichend getestet wurde

(Farrell et al., Vet J 2024)

  • In den zulassungsrelevanten Feldstudien wurde keine grossangelegte radiologische Untersuchung auf beschleunigte Gelenkdegeneration durchgeführt
  • Nur in einer kleinen Labor-Sicherheitsstudie wurden Gelenkveränderungen radiologisch untersucht (begrenzte Anzahl, kurze Dauer)
  • Weniger als 100 Hunde erhielten vor der Marktzulassung mehr als 3 monatliche Dosen
  • Die Hunde waren gesund und wiesen keine natürlich auftretende OA auf (Labor-Beagles); dennoch wurden bei der postmortalen Histologie Knorpelanomalien festgestellt
  • Die behördliche Überprüfung bestätigte, dass ein behandlungsbedingter Beitrag zu Knochen- und Knorpelveränderungen nicht ausgeschlossen werden konnte

Post-autorisierte Pharmakovigilanz: gemeldete Nebenwirkungen

Die Pharmakovigilanz nach der Zulassung hat unter anderem folgende Nebenwirkungen gemeldet: schnelle Gelenkzerstörung, pathologische Frakturen, Gelenkluxation, schwere Polyarthritis, neurologische Funktionsstörungen sowie Euthanasie oder Tod nach muskuloskelettalem Kollaps.

Eine Expertenprüfung der gemeldeten Fälle ergab, dass bei mehreren Hunden Veränderungen auftraten, die mit einem beschleunigten Gelenkversagen einhergingen – manchmal Monate nach Beginn der Behandlung – und stufte den Zusammenhang als hochgradig verdächtig ein.

Von den 4.746 gemeldeten muskuloskelettalen unerwünschten Ereignissen (MSAE) seit Librelas Markteinführung wurden 789 von unabhängigen Forschern als reine MSAE herausgefiltert (d. h. nicht durch andere Ereignisse wie neurologische oder systemische Nebenwirkungen verfälscht). Im Vergleich zu anderen Medikamenten mit ähnlichen Indikationen treten MSAEs bei Librela 9-mal häufiger auf.

Balkendiagramm: Akkumulierte muskuloskelettale Nebenwirkungen (MSAE) – Librela im Vergleich zu sechs Medikamenten mit gleicher Indikation. Librela zeigt eine 9-fach höhere MSAE-Rate als alle Vergleichsmedikamente zusammen.
Abbildung 1. Akkumulierte muskuloskelettale unerwünschte Ereignisse (MSAE) im Vergleich: Librela versus sechs Medikamente mit gleicher Indikation (Rimadyl, Metacam, Previcox, Onsior, Galliprant), aufgeschlüsselt nach Reaktionstyp (Bänder-/Sehnenverletzung, Fraktur, Polyarthritis, Skelettneubildung, septische Arthritis). Ligament-/Sehnenverletzungen, Polyarthritis, Frakturen, muskuloskelettale Neubildungen und septische Arthritis wurden bei mit Librela behandelten Hunden ca. 9-mal häufiger gemeldet als in der Gesamtheit aller Vergleichsmedikamente. Für Daxocox® (Enflicoxib) wurden keine qualifizierenden MSAE gefunden. Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490

Radiologische und CT-Befunde aus der Praxis

Die folgenden Aufnahmen dokumentieren Fälle von beschleunigter Gelenkzerstörung unter Librela-Therapie. Die Bilder sprechen für sich.

Röntgenaufnahmen beider Kniegelenke: Am Tag der ersten Librela-Injektion (links) und nach 7 Injektionen (rechts). Deutliche Zunahme der Gelenkdestruktion bilateral.
Abbildung 2. Röntgenaufnahmen beider Kniegelenke (Stifle) im mediolateralen und kaudokranialen Strahlengang. Links: Befund am Tag der ersten Librela-Injektion – mässige degenerative Gelenkveränderungen. Rechts: Befund nach 7 monatlichen Librela-Injektionen – ausgeprägte Zunahme der Gelenkdestruktion mit Verlust der normalen Gelenkarchitektur, periartikulärer Knochenneubildung und Abflachung der Gelenkflächen beidseits. Die Veränderungen übersteigen das für den Zeitraum erwartete natürliche OA-Fortschreiten bei weitem. Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490
Röntgenaufnahmen und Makropathologie eines Hundes nach TPLO-Operation: unmittelbar postoperativ, 8 Wochen nach OP und nach 7 Librela-Injektionen. Pfeile zeigen Knochenzerstörung. Rechts: Makropathologie des Resektats.
Abbildung 3. Röntgenverlauf und intraoperative Makropathologie eines Hundes nach TPLO (tibiale Plateauwinkelkorrektur-Osteotomie). Spalte 1: Unmittelbar postoperativ – regelrechte Implantatposition, normale Heilungszeichen. Spalte 2: 8 Wochen postoperativ – unauffälliger Heilungsverlauf. Spalte 3: Nach 7 monatlichen Librela-Injektionen – Pfeile weisen auf neu aufgetretene subchondrale Knochenzerstörung und periartikuläre Lyse. Spalte 4: Intraoperatives Makropräparat bei Revisionseingriff – ausgedehnte Knorpel- und Knochenzerstörung, Fragmentierung der Gelenkfläche. Librela wurde nach der TPLO begonnen und darf nicht zur postoperativen Schmerzbehandlung eingesetzt werden. Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490
Röntgenaufnahmen beider Ellbogengelenke: 5 Monate vor Therapiebeginn versus nach 20 Librela-Injektionen. Massive Osteophytenbildung und Verlust der Gelenkarchitektur beidseits.
Abbildung 4. Röntgenaufnahmen beider Ellbogengelenke (mediolateral und kraniolateral). Links (L und R): 5 Monate vor Beginn der Librela-Therapie – moderate degenerative Ellbogengelenkerkrankung (MEDL) als Ausgangsbefund. Rechts (L und R): Nach 20 monatlichen Librela-Injektionen – massive periartikuläre Knochenneubildung, vollständiger Verlust der normalen Gelenkarchitektur, Ankylosierungszeichen und ausgeprägte Osteophytenformation beidseits. Das Ausmass der Progression ist in diesem Zeitraum nicht mit dem natürlichen OA-Verlauf vereinbar. Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490
CT- und Röntgenaufnahmen der Karpalgelenke: Progression von 2 bis 15 Librela-Injektionen. Klinisches Foto zeigt massive bilaterale Weichteilschwellung der distalen Gliedmassen.
Abbildung 5. Radiologische Progression der Karpalgelenke unter Librela-Therapie. A/B (nach 2 Injektionen): Röntgenaufnahmen links (A) und rechts (B) – mässige periartikuläre Veränderungen. C/D (nach 10 Injektionen): Röntgenaufnahmen links (C) und rechts (D) – deutliche Zunahme der Destruktion mit Verlust der Gelenkspaltstruktur. E (nach 15 Injektionen): 3D-CT-Rekonstruktion beidseits – vollständiger Kollaps der Karpalknochen, extensive periartikuläre Mineralisierung und Deformierung der distalen Gliedmassen. Klinisches Foto: Ausgeprägte bilaterale Weichteilschwellung, Deformierung und Schmerzfreiheit trotz massiver struktureller Zerstörung (Analgesie maskiert klinische Zeichen). Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490
CT- und Röntgenaufnahmen der Sprunggelenke: 1 Woche vor Therapiebeginn versus nach 30 Librela-Injektionen. Vollständige bilaterale Gelenkzerstörung mit periartikulärer Knochenneubildung.
Abbildung 6. Bildgebung der Sprunggelenke (Tarsus) vor und nach Librela-Therapie. A–D (1 Woche vor Therapiebeginn): 3D-CT-Rekonstruktionen (A/B) und Röntgenaufnahmen (C/D) beider Sprunggelenke – moderate bis fortgeschrittene degenerative Veränderungen als Ausgangsbefund. E–H (nach 30 monatlichen Librela-Injektionen): Röntgenaufnahmen (E/F) und CT (G/H) – vollständige Destruktion der Gelenkflächen beidseits, ausgeprägte periartikuläre Knochenneubildung, Kollaps der Talusrolle und schwerwiegende Gelenkinstabilität. Über 2,5 Jahre Librela-Therapie führten zu einer Gelenkzerstörung, die mit dem natürlichen Krankheitsverlauf nicht vereinbar ist. Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490
3D-CT-Rekonstruktionen beider Ellbogengelenke: 8 Monate vor Therapiebeginn versus nach 23 Librela-Injektionen. Katastrophale Umstrukturierung der Knochenarchitektur beidseits.
Abbildung 7. 3D-CT-Volumenrekonstruktionen beider Ellbogengelenke. Links (L und R, oben): 8 Monate vor Beginn der Librela-Therapie – erkennbare degenerative Veränderungen, jedoch erhaltene Grundarchitektur des Gelenks. Rechts (L und R, unten): Nach 23 monatlichen Librela-Injektionen – katastrophale Umstrukturierung der gesamten Knochenarchitektur mit extensiver periostaler Reaktion, mottenfrassartiger Knochenzerstörung und vollständigem Verlust der normalen Gelenkkontur beidseits. Die Veränderungen entsprechen dem Bild einer Rapidly Progressive Osteoarthritis (RPOA), wie sie aus der Humanmedizin unter Anti-NGF-Therapie bekannt ist. Quelle: Farrell M et al. Frontiers in Veterinary Science 2025; doi: 10.3389/fvets.2025.1581490

Evidenzbasierte Positionierung in der OA-Behandlungskaskade

Librela sollte nicht als Erstlinientherapie oder Frühbehandlung eingesetzt werden. Librela sollte nur in Betracht gezogen werden, wenn alle folgenden Kriterien erfüllt sind:

A. Bestätigte Osteoarthritis im Endstadium

  • Durch orthopädische Untersuchung bestätigte klinische OA
  • Röntgenologischer Nachweis einer fortgeschrittenen degenerativen Gelenkerkrankung
  • Signifikante funktionelle Beeinträchtigung oder Schmerzen, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen

B. Versagen der konservativen OA-Behandlung

Dokumentierte unzureichende Reaktion oder Unverträglichkeit gegenüber:

  • NSAIDs
  • Multimodaler Analgesie (z. B. NSAID ± Gabapentin / Amantadin / Paracetamol / Tramadol)
  • Intraartikulären Behandlungen (Kortikosteroide, Hyaluronat usw.)
  • Gewichtsreduktion
  • Umgebungsanpassungen
  • Bewegungsmodulation
  • Physiotherapie und Rehabilitation
  • Gelenksergänzenden Futtermittelzusätzen

C. Behandelte oder ausgeschlossene chirurgische Erkrankung

  • Chirurgische Rettungsmassnahme durchgeführt (Arthrodese / Arthroplastik / TPLO usw.), vom Besitzer abgelehnt oder medizinisch nicht möglich
  • Librela darf die indizierte Operation nicht ersetzen
  • Librela darf nicht zur postoperativen Schmerzbehandlung eingesetzt werden

Aufgeklärte Einwilligung der Besitzer

Die Einwilligung des informierten Besitzers ist unerlässlich. Die Besitzer müssen ausdrücklich darüber informiert werden, dass:

  • Schwere, schnelle und irreversible Gelenkzerstörung berichtet wurde
  • Schmerzlinderung nicht gleichbedeutend mit Krankheitsbekämpfung ist

Kommerzieller Kontext

Die Franchise für monoklonale Antikörper zur Behandlung von Osteoarthrose-Schmerzen (Librela und Solensia) erreichte im Jahr 2025 einen weltweiten Wert von 568 Millionen US-Dollar – rund 6 % des gesamten Jahresumsatzes von Zoetis. Im letzten Quartal 2025 verzeichnete die Franchise einen operativen Rückgang von 11 %. Zoetis führte dies primär auf „Fehlinterpretationen und Einflüsse in den sozialen Medien” bezüglich des Sicherheitsprofils von Librela zurück.

Trotz des jüngsten Umsatzrückgangs setzt Zoetis verstärkt auf diese Technologie und sicherte sich Zulassungen für Lenivia und Portela – langwirksame Versionen dieser Medikamente. Die FDA hat Berichte über unerwünschte Wirkungen erhalten, und es laufen rechtliche Verfahren, darunter eine Sammelklage von Aktionären.

Fazit

Librela ist ein wirksames Medikament, das als Spätphasen-Option für Hunde mit Osteoarthritis im Endstadium reserviert bleiben sollte – nach dem Versagen der konservativen multimodalen Behandlung und nur wenn chirurgische Lösungen nicht möglich sind. Bei liberalem Einsatz besteht das Risiko erheblicher Morbidität. Daher sollte es mit Vorsicht eingesetzt werden.

Bei Fragen zur Osteoarthrose-Behandlung oder zu Librela nehmen Sie gerne Kontakt auf.

Dr. vet. med. Matt Matiasovic MSc Dipl.ECVS

Dr. vet. med. Matt Matiasovic MSc Dipl.ECVS

Kleintierchirurg · Region Basel