PRP beim Hund (Plättchenreiches Plasma): Biologische Grundlagen, klinische Anwendung und Evidenz

von | März 30, 2026 | Unkategorisiert | 0 Kommentare

PRP beim Hund – Ein autologes, krankheitsmodifizierendes Therapeutikum bei Osteoarthrose, Tendinopathie und Kreuzband­pathologie des Hundes

PRP beim Hund – Plättchenreiches Plasma (PRP) hat sich in der veterinären Orthopädie und Chirurgie als biologisches Therapeutikum mit nachgewiesenem klinischen Nutzen etabliert. Im Unterschied zu konventionellen Analgetika handelt es sich bei PRP nicht um ein Medikament im pharmakologischen Sinne, sondern um ein autologes Blutprodukt, das konzentrierte Wachstumsfaktoren enthält und aktiv in die Pathophysiologie von Gelenkdegeneration, Sehnenheilung und Gewebereparatur eingreift. PRP ist damit als krankheitsmodifizierender Ansatz zu verstehen – ein Konzept, das in der regenerativen Veterinärmedizin zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Die Anwendung erfolgt multimodal: als primäre biologische Therapie bei Osteoarthrose und Tendinopathie, sowie als postoperatives Adjuvans zur Optimierung der Gewebeheilung nach gelenkchirurgischen Eingriffen. In diesem Beitrag erläutern wir die wissenschaftlichen Grundlagen, die klinischen Indikationsgebiete und die entscheidenden Qualitätsanforderungen an die PRP-Herstellung.

Was ist PRP beim Hund – und woher kommt es?

PRP ist ein konzentriertes Blutprodukt, das ausschliesslich aus dem Blut des Patienten selbst hergestellt wird – es ist damit vollständig autolog. Aus einer Blutentnahme wird durch gezielte Zentrifugation der Thrombozytenanteil (Blutplättchen) auf ein Mehrfaches des Ausgangswerts angereichert. Diese Blutplättchen sind reich an Wachstumsfaktoren, die bei der Geweberegeneration und Entzündungsregulation eine zentrale Rolle spielen.

Die wichtigsten Wachstumsfaktoren im PRP umfassen:

  • PDGF (Platelet-Derived Growth Factor) – fördert Zellmigration und Proliferation
  • TGF-β1/β2 (Transforming Growth Factor) – entzündungshemmend, fördert Kollagensynthese
  • VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) – regt die Gefässneubildung an
  • bFGF (Basic Fibroblastic Growth Factor) – stimuliert Bindegewebsheilung
  • EGF (Epidermal Growth Factor) – unterstützt Zellwachstum und Wundheilung

Diese Faktoren wirken sowohl einzeln als auch synergistisch: Sie hemmen entzündliche Zytokine, aktivieren körpereigene Stammzellen, fördern Knorpelzellen (Chondrozyten) und stimulieren die Synthese von Extrazellulärmatrix. Kurzum: PRP unterstützt die körpereigene Heilung auf biologischer Ebene.

Anwendungsgebiete beim Hund

Osteoarthrose (Gelenkarthrose)

Die Osteoarthrose ist die häufigste Ursache für chronische Lahmheit beim Hund und betrifft vor allem ältere sowie grosse Rassen. Mehrere klinische Studien belegen, dass intraartikuläre PRP-Injektionen beim Hund die Lahmheit reduzieren und die Gewichtsbelastung der betroffenen Gliedmasse objektiv verbessern können.

So zeigte eine robuste Studie von Fahie et al. (2013), dass autologes Thrombozytenkonzentrat bei Hunden mit Arthrose zu signifikanter klinischer Verbesserung führte. Vilar et al. (2018) dokumentierten mit Ganganalysen eine messbare Zunahme der Belastungskraft nach vier Injektionen bei Hunden mit Kniegelenksarthrose infolge eines Kreuzbandrisseses – der Effekt war bereits nach 30 Tagen nachweisbar. Eine Wirkungsdauer von 3–6 Monaten entspricht dem aktuellen klinischen und wissenschaftlichen Konsens.

Cook et al. (2016) zeigten bei Hunden mit partiellem Kreuzbandriss und Meniskusläsion, dass multiple Injektionen von leukoreduzierten PRP den Bewegungsumfang verbesserten, Schmerzen reduzierten und die Funktion für bis zu sechs Monate steigerten – mit bereits messbarem Effekt eine Woche nach der ersten Injektion.

Sehnenerkrankungen: Supraspinatus, Bizeps & Co.

Sehnenerkrankungen sind bei Sporthunden, Agility-Hunden und Arbeitshunden häufig. Besonders die Supraspinatus-Sehne und die Bizeps-Sehne sind von degenerativen Veränderungen (Tendinopathie) betroffen. PRP wird hier ultraschallgezielt intratendinös injiziert.

Canapp et al. (2016) veröffentlichten eine Studie mit 55 Hunden, die wegen Supraspinatus-Tendinopathie mit einer Kombination aus adipösen Stammzellvorläufern (ADPC) und PRP behandelt wurden. Bei 82 % der Fälle reduzierte sich der Querschnitt der erkrankten Sehne auf die Grösse der gesunden Sehne innerhalb von 90 Tagen – mit signifikant verbessertem Fasermuster im Ultraschall.

McDougall et al. (2018) bestätigten diesen Befund mit BMAC-PRP-Kombinationstherapie und belegen die ultrasonographisch messbare strukturelle Verbesserung des Sehnengewebes nach intratendinöser Injektion. PRP bietet hier einen wesentlichen Vorteil gegenüber konservativer Therapie: Es zielt nicht nur auf Symptomkontrolle ab, sondern fördert aktiv die strukturelle Gewebeheilung.

PRP als Adjuvans zur Chirurgie

PRP kann hervorragend mit chirurgischen Eingriffen kombiniert werden. Silva et al. (2013) injizierten autologes Thrombozytenkonzentrat postoperativ nach Kreuzband-OP und konnten am 90. postoperativen Tag signifikant bessere Gangergebnisse in der PRP-Gruppe nachweisen. PRP scheint die Gewebeheilung nach dem Eingriff zu beschleunigen und die Arthroseentwicklung zu bremsen – beides klinisch relevante Vorteile nach zB. TPLO.

PRP + Hyaluronsäure: Mehr als die Summe der Teile

Eine besonders vielversprechende Strategie ist die Kombination von PRP mit Hyaluronsäure (HA). Die Meta-Analyse von Aw et al. von dieser Anwendung bei Menschen (2021, Journal of Experimental Orthopaedics) umfasste 10 Studien mit 983 Patienten und zeigte, dass die Kombination PRP + HA konsistent bessere Ergebnisse liefert als PRP allein.

Der Synergismus lässt sich biologisch erklären: HA verbessert die Gelenkumgebung durch Lubrikation und Matrixschutz, dämpft die transiente entzündliche Reaktion («post-injection flare»), die nach PRP auftreten kann, und schützt Chondrozyten vor oxidativem Stress und proteolytischen Enzymen. Wir bieten daher standardmässig die PRP-HA-Kombination an.

Nicht jedes PRP ist gleich – und das macht den entscheidenden Unterschied

Die Qualität von PRP hängt massgeblich von der Herstellungsmethode ab. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist der Leukozytengehalt (weisse Blutkörper):

Leukozytemarmes PRP (LP-PRP): enthält wenig Neutrophile und rote Blutkörperchen. Es gilt als das bevorzugte Produkt für intraartikuläre und intratendinöse Injektionen, da Neutrophile pro-entzüdliche Mediatoren (IL-1β, IL-6, TNF-α) freisetzen und Metalloproteasen (MMP-9) aktivieren, die Kollagen und Knorpelmatrix abbauen.

Leukozytenreiches PRP (LR-PRP): enthält deutlich mehr Neutrophile. In vitro-Studien zeigen, dass LR-PRP signifikant mehr Synoviozyten-Zelltod verursacht als LP-PRP – ein unerwünschter Effekt, besonders im bereits vorgeschädigten Gelenk.

Die von uns andewendete Methode erzielt eine Plättchensteigerung von 500–550 % gegenüber dem Vollblut bei gleichzeitiger Reduktion der Neutrophilen um über 85 %. Die Plättchenanreicherung um das 4–7-fache entspricht dem in der Humanmedizin etablierten Zielbereich.

PRP in der Humanmedizin – was die Forschung zeigt

PRP ist in der Humanmedizin seit Jahren im sportmedizinischen und orthopädischen Einsatz. Mehrere Analysen zeigen konsistente Vorteile von LP-PRP gegenüber Hyaluronsäure oder Placebo bei Kniearthrose. Für Sehnenerkrankungen (Patellarsehne, Ellbogen-Tendinopathie) zeigt die humanmedizinische Literatur ebenfalls gute Ergebnisse.

PRP beim Hund vs. Librela – Sicherheitsprofil und klinische Realität

Librela (Bedinvetmab) ist ein monoklonaler Anti-NGF-Antikörper, der seit seiner Zulassung als monatliche Schmerztherapie bei Arthrose eingesetzt wird. In letzter Zeit wurden jedoch zunehmend schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen gemeldet, darunter katastrophale Schädigungen der von Arthrose betroffenen Gelenke. Darüber hinaus ist Librela eine rein analgetische Therapie ohne nachgewiesene krankheitsmodifizierende oder regenerative Wirkung; sie blockiert Schmerzwahrnehmung, adressiert aber nicht die zugrunde liegende Gelenksdegeneration.

PRP dagegen ist vollständig autolog: Da es aus dem Eigenblut des Patienten gewonnen wird, entfallen immunvermittelte Reaktionen, Fremdprotein-assoziierte Nebenwirkungen und systemische Toxizität per definitionem. Unerwünschte Effekte beschränken sich auf eine kurzfristige lokale Entzündungsreaktion (post-injection flare) innerhalb von 24–72 Stunden, die selbstlimitierend ist. PRP hat darüber hinaus das Potenzial, nicht nur Schmerz zu lindern, sondern Gewebereparaturprozesse aktiv zu unterstützen.

Auf der Grundlage der aktuellen Sicherheitsdaten raten wir vom routinemässigen Einsatz von Librela als Erstlinientherapie ab. Insbesondere das Risiko einer Rapidly Progressive Osteoarthritis of Articular cartilage (RPOA) – einer rasch fortschreitenden, destruktiven Gelenkveränderung, die unter Anti-NGF-Therapien in der Humanmedizin gut dokumentiert ist und zunehmend auch im veterinären Kontext diskutiert wird – stellt ein erhebliches Sicherheitsbedenken dar. Anti-NGF-Antikörper unterdrücken die Schmerzwahrnehmung so wirksam, dass Patienten trotz fortschreitender mechanischer Gelenkdestruktion uneingeschränkt belasten – ein Mechanismus, der die Progression der Knorpelschädigung massgeblich beschleunigen kann. PRP, mit seinem nachgewiesenen biologischen Wirkprofil, seiner vollständigen autologen Natur und seinem hervorragenden Sicherheitsprofil, stellt die wissenschaftlich besser begründete und klinisch sicherere Option dar.

Praktische Hinweise zur Behandlungsvorbereitung

Entzündungshemmende Medikamente müssen nicht gestoppt werden. Jegliche Kortison-therapie sollte min. 1 Woche vor Behandlungsbeginn abgesetzt werden. Diese kurze Vorbereitungsphase ist unkompliziert und gut verträglich. Ihr Hund muss wegen der erforderlichen Sedation gefastet sein.

Wie läuft eine Behandlung mit PRP beim Hund ab?

Die Behandlung erfolgt unter kurzer Sedierung, oder kurzer Vollnarkose. Ablauf:

  • Blutentnahme
  • Zweistufige Zentrifugation zur Plättchenanreicherung (LP-PRP-Protokoll)
  • Qualitätskontrolle der Plättchenkonzentration (Ziel: 4–7-fache Anreicherung)
  • Injektion ins Gelenk (intraartikulär) oder in die Sehne (intratendinös, evtl. ultraschallgezielt)
  • Ruhe für 48 Stunden, danach kontrollierte Aktivitätssteigerung

Bei Arthrosebehandlung empfehlen wir in der Regel eine Serie von 2–3 Injektionen im Abstand von 4–6 Wochen, häufig kombiniert mit Hyaluronsäure. Die Wirkung setzt meist innerhalb von 1–4 Wochen ein und hält 3–6 Monate an. Bei Bedarf kann die Behandlung wiederholt werden.

Häufige Fragen von Tierhaltern

Ist PRP beim Hund sicher?

Ja. Da PRP aus dem eigenen Blut des Tieres gewonnen wird, gibt es kein Risiko allergischer Reaktionen oder von Abstossungsreaktionen. Nebenwirkungen beschränken sich in seltenen Fällen auf eine kurzfristige Entzündungsreaktion nach der Injektion (sog. Injektionsflare), die sich innerhalb von 1–3 Tagen legt.

Kann PRP beim Hund eine Operation ersetzen?

Nicht in allen Fällen. Zum Beispiel beim Kreuzbandriss bleibt die Operation (z. B. TPLO) die Therapie der Wahl. PRP kann jedoch als Adjuvans die Heilung beschleunigen und die Arthroseprogression verlangsamen.

Fazit: PRP als evidenzbasierter Baustein der modernen Veterinärchirurgie

PRP ist keine Wundertherapie – aber eine gut belegte, sichere und vielseitige biologische Option, die bei richtiger Herstellung und gezielter Anwendung echten klinischen Mehrwert bietet. Entscheidend ist die Qualität des Produkts: Nicht jedes System, das als PRP vermarktet wird, liefert tatsächlich ein Thrombozyten-angereichertes Präparat. Wir verwenden in unserer Klinik ein validiertes Leukozytemarmes PRP-Protokoll nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Wenn Ihr Hund an Arthrose, Sehnenerkrankungen oder einem Kreuzbandriss leidet und Sie mehr über die regenerativen Therapiemöglichkeiten erfahren möchten, nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir besprechen mit Ihnen, ob und wie PRP in das individuelle Behandlungskonzept Ihres Tieres passen kann.

Dr. Matt Matiasovic ist Facharzt für Kleintierchirurgie (Diplomate ECVS – www.ecvs.org). Er arbeitet unter anderem in der Clinique Vétérinaire in Delémont, in der Überweisungspraxis für Kleintierchirurgie VetBern sowie als Belegarzt in verschiedenen Praxen im Raum Basel (darunter VetCare Therwil, Tierpraxis Pfeffingerhof, Tierpraxis Mondo a und anderen). Er führt ein breites Spektrum an chirurgischen Eingriffen durch, darunter grundlegende und fortgeschrittene chirurgische Verfahren wie Tumorchirurgie, Rekonstruktionen, Bauch- und Thoraxchirurgie sowie das gesamte Spektrum der orthopädischen Chirurgie. Er engagiert sich aktiv in der Veröffentlichung klinischer Forschungsergebnisse sowie in der Ausbildung und Betreuung von Tierärzten. Er setzt sich für eine transparente und hochwertige tierärztliche Versorgung ein.